...und der Tag begann wie die meisten Tage davor...

...26.11.2004...
Der Morgen war wie die vorangegangenen wunderschön. Es war windstill, traumhaftes Wetter und das Meer lag wie immer glatt und ruhig vor meiner Hütte.
Wie fast jeden Morgen war ich im Dorf frühstücken und kam nach ein paar Einkäufen gegen 10.15 Uhr an meine kleine Strohhütte. Da es schon recht warm war, zog ich mein T-Shirt aus, entledigte mich meiner Sandalen und setzte mich an ein schattiges Plätzchen am Strand. Das Meer lag ruhig da und die Ebbe hatte fast ihren Tiefpunkt erreicht, als mir auffiel, dass unser Longtailboot mit der Nase auf dem Strand lag. Da unser Bootsmann im Dorf war, lag es mal wieder an mir dafür zu sorgen, dass das Boot nicht komplett auf dem Trockenen landet. Solch ein Longtailboot ist recht schwer. Ausserdem waren kaum Leute am Strand. Daher bin ich in die Küche gegangen und hab den Mädels Bescheid gesagt, dass wir das Boot gemeinsam rausschieben müssen. Als ich zum Strand zurück kam, traf mich fast der Schlag. Ich war gerade mal höchstens eine Minute weg und in der Zwischenzeit lag das Boot komplett auf dem Strand. Das Meer war sogar schon einige Meter hinter dem Boot zurückgewichen. Normalerweise braucht die Ebbe für so einen Rückgang ca. eine Stunde. Das panikartige Gefühl, welches mich beschlich, ist schwer zu beschreiben. Ich hatte vor längerer Zeit im Fernsehen einen Bericht über Tsunamis gesehen und denke, dass ich die Gefahr im Unterbewusstsein sofort erkannt habe. Ich lief zu meiner Hütte und holte mein Fernglas. Ich suchte das Meer ab und konnte im ersten Augenblick am Horizont nichts aussergewöhnliches feststellen. Das Meer hatte sich mittlerweile so weit zurück gezogen, wie ich es in den letzten 8 Jahren noch nie gesehen hatte. Nach kurzer Zeit entdeckte ich dann weit draußen eine ungewöhnliche Schaumkrone. Beim Blick durch das Fernglas konnte ich dann eine große Welle erkennen, welche auf breiter Front sehr schnell auf uns zukam. Ich schätzte sie auf ca. 3,5 – 4 Meter Höhe.
Zu diesem Zeitpunkt waren bereits zwei Mädels aus der Küche da, welche mir helfen wollten, das Boot ins Meer zu schieben. Als wir dann erstmals das Rauschen der Welle hörten, habe ich angefangen zu schreien, dass sich jeder in Sicherheit bringen und hinter die Anlage auf höheres Gelände rennen solle. Einige Gäste, welche im Restaurant saßen, hielten mich wahrscheinlich für verrückt, aber irgendwie sind alle rechtzeitig vorm Eintreffen der Welle in den hinteren Teil der Anlage gerannt.
Der Tsunami traf Ko Jum in drei Schüben. Nach der ersten Welle sind wir alle wieder nach vorne zum Strand gelaufen, um den Schaden zu betrachten. Unser junger Gärtner hatte die Gefahr durch die Welle nicht registriert und erlitt beim Versuch, das Boot zu retten, schwere Schnittverletzungen an den Beinen. Als wir ihn aus der Gefahrenzone gebracht hatten, ging ich zu meiner Hütte, die die Welle zwar ca. 2 Meter von ihrem ursprünglichen Standort weggespült hatte, die aber nur leicht beschädigt wurde. Meine Digicam, CD-Player samt CD`S und Handy lagen glücklicherweise noch trocken auf dem Bett. Ich packte alles in eine Tüte und rannte wieder hinaus.
Als wir erneut ein Rauschen hörten, sah ich durch das Fernglas die zweite Welle auf uns zukommen. Sofort liefen wir wieder in den hinteren Teil des Resorts. Als die zweite Welle eintraf, hörten wir es diesmal richtig krachen. Diese Welle war wesentlich größer als die erste und total vernichtend. Noch heute höre ich das Bersten von Holz, als diese Ko Jum erreichte.
Als
sich alles wieder beruhigt hatte, liefen wir wieder nach vorne und trauten
fast unseren Augen nicht. Das Wasser stand ca. 180 Meter landeinwärts. Die
Anlage war zur Hälfte überflutet, überall lagen Trümmer und das Restaurant
war teilweise eingestürzt. Wir kämpften uns Richtung Strand vor und mussten
sehen, dass meine Hütte sowie weitere vier Bungalows komplett verschwunden
waren.
Kurz darauf sahen wir die dritte Welle, die allerdings verhältnismäßig klein war und keine zerstörerische Kraft mehr besaß. Zwischen den einzelnen Wellen lagen jeweils ca. 30 Minuten, wobei die zweite Welle am verheerendsten war.
Ko Jum ist eine relativ kleine Insel ohne Strom- und Festnetzleitungen. Es war daher in den ersten Stunden nach der Katastrophe relativ schwierig Infos über die Ursache des Tsunamis zu bekommen. Von einem Erdbeben hatte niemand etwas gespürt.
Eine der Eigentümerinnen der Anlage war an diesem Tag auf dem Festland. Nach einigen Versuchen mit meinem Handy klappte die Verbindung und so erfuhren wir zumindest, dass es irgendwo in Indonesien scheinbar ein Erdbeben gegeben hatte und die Regierung über Rundfunk eindringlich vor weiteren Flutwellen warnt. Um jegliche Risiken auszuschließen, entschlossen wir uns nicht im hinteren Teil der Anlage zu übernachten, sondern auf einem höher gelegenen Berg weiter im Inneren der Insel.
Zu diesem Zeitpunkt besaß ich weder Schuhe noch T-Shirt. Die Welle hatte alles mitgerissen. Unser Bootsmann brachte mir ein T-Shirt und dann machten wir uns auf die Suche nach dem „Hotelsafe“, da in diesem sämtliche Papiere, Tickets, Bargeld usw. von sämtlichen Gästen deponiert war.
Das Restaurant und vor allem die Küche glich einer Trümmerlandschaft. Besonders das ausströmende Gas der zerstörten Kochstellen machte unsere Suche nicht einfach. Als wir sämtliche Gasflaschen schließen konnten und das Gas sich verflüchtigt hatte, fanden wir den Safe halb im Schlamm vergraben.
Der sogenannte Safe bestand aus einem Holzschrank mit abschließbaren Fächern, die aber voller Sand waren. Wir konnten ihn daher nur gewaltsam öffnen.So bekam zumindest jeder seine Papiere usw. zurück.
Alle noch genießbaren Lebensmittel und Wasservorräte schleppten wir samt Moskitonetzen und Decken auf den nächst gelegenen Berg. Auf diesem waren mittlerweile auch sämtliche Gäste der benachbarten Bungalowanlagen eingetroffen.