Die Stimmung auf dem Berg war irgendwie etwas besonderes; jeder half jedem und die Thais übersetzten uns ständig die neuesten Nachrichten, die sie über Handy oder Radio gehört hatten. Auf dem Berg entstand eine richtige Moskitonetzzeltstadt mit kleinen Lagerfeuern und Kochstellen. Besonderen Dank gilt an dieser Stelle Liz vom Wildeside, welche uns da oben mit köstlichem Kuchen versorgt hat.

 

Die Thailändischen Nachrichten wurden mittlerweile präziser und es wurden genaue Uhrzeiten genannt, zu denen weitere Flutwellen erwartet wurden. Die Nacht auf dem Berg war relativ lang, weil niemand richtig gut schlafen konnte. Als es hell wurde, ging ich sofort wieder runter zum Strand. Alles war wie am Tag zuvor; keine weitere Flutwelle hatte in der vergangenen Nacht Ko Jum erreicht. Zu diesem Zeitpunkt wurde als einziger Tourist nur noch der Deutsche Peter aus unserer Anlage vermisst. Ich machte mich auf die Suche nach ihm. Ein Thai fuhr mich mit seinem Moped quer über die Insel. Nachdem ich am anderen Ende erfahren hatte, dass Peter wohlauf sei, genehmigte ich mir um 7.30 Uhr erst mal ein Bier. Danach ging es wieder zurück zum Berg. Wir schlugen das Lager dort oben ab und quartierten uns in die am weitesten vom Strand entfernten Bungalows der Anlage ein.

Unfassbarer Weise gab es auf Ko Jum keine Todesopfer zu beklagen. In unserer Anlage gab es lediglich zwei verletzte Personen mit Schnittwunden. Allerdings haben zahlreiche Familienangehörige meiner thailändischen Bekannten auf der nur 15 km entfernten Insel Ko Phi Phi gearbeitet. Da in den kommenden Tagen keinerlei Infos zu bekommen waren, ob diese Leute noch lebten, war das Leid unter den Familien entsprechend groß. Ich entschloss mich daher, ihnen zumindest finanziell etwas zu helfen und bat alle meine Bekannten in Deutschland um eine kleine Geldspende. Zu diesem Zeitpunkt konnte ich nicht ahnen, welche Ausmaße diese Spendenaktion annehmen sollte.

Die kommenden zwei Wochen waren geprägt von mühevollen Wiederaufbaumaßnahmen. Wir brauchten fast vier Tage, um nur das Restaurant und die Küche von Schlamm und Sand zu befreien. Nach zwei Tagen hatten wir zumindest in dem hinteren Teil der Anlage die Wasserversorgung und die Stromversorgung durch den Generator notdürftig repariert. Ausserdem wurde eine provisorische Küche im hinteren Teil der Anlage aufgebaut, da das Restaurant teilweise eingestürzt und ohne Strom- und Wasserversorgung war.

Natürlich hätte ich auch wie die meisten anderen Gäste Ko Jum am nächsten Tag verlassen können. Da ich allerdings seit mittlerweile acht Jahren in diese Anlage komme und alle Leute persönlich gut kenne, habe ich mich entschlossen den Leuten zu helfen. Hierbei sei angemerkt, dass diese Anlage ausschließlich von Frauen geleitet wird und diese recht dankbar waren für unsere Unterstützung. Ausser mir entschloss sich auch der US-Amerikaner Forrest zu bleiben und seinen restlichen Urlaub zum Wiederaufbau zu nutzen.

 

Zwischendurch hörte ich mich immer wieder im Dorf um, welche Leute besonders schwer von dem Unglück betroffen waren. So erfuhr ich, dass es die Seezigeuner am schlimmsten getroffen hatte. Seezigeuner leben ausschließlich vom Fischen und ihr einziger wertvoller Besitz ist ihr Longtailboot. Bei den Familien, die auf Ko Jum gestrandet waren, wurden Insgesamt 16 dieser Boote durch den Tsunami zerstört. Als ich erfuhr, wie sich die Spendenaktion entwickelte, habe ich mich daher tierisch gefreut, obwohl ich mir auch der damit verbundenen enormen Verantwortung bewusst war. Die Hilfsaktionen der Thailändischen Regierung waren unterdessen in einem Maß angelaufen, wie ich es mir nie im Traum vorgestellt hätte. Täglich erreichten Transportboote Ko Jum mit Kleidung, Nahrungsmitteln, Gasflaschen usw. für die Erstversorgung der Bewohner.

 

Da mittlerweile über 3000 Euro zusammen gekommen waren, beriet ich mich über die sinnvollste Verwendung mit Personen, die ich schon länger kenne und zu denen ich ein besonderes Vertrauen habe. Darunter befanden sich die Deutsche Liz, die mit einem Thai verheiratet ist und schon viel für die Einheimischen getan hat, sowie die Einheimische Lan, die ein kleines Geschäft betreibt und aufgrund ihrer Güte ein großes Ansehen genießt. Was ich allerdings in den ersten Gesprächen von Ihnen erfuhr, ließ mich fast verzweifeln. Denn so einfach, wie ich es mir gedacht hatte, war es nicht. Das große Problem war folgendes.

Gibt man einem Thai auf dieser Insel in dieser Situation Geld, wird es sofort in unnötige Konsumgüter, bei den Seezigeunern sogar in Alkohol umgesetzt. Ausserdem erzeugt man Neid, Ärger und Missgunst, wenn nicht alle gleich behandelt werden. Sie warnten mich, dass ich ernsthafte Probleme bekommen würde, wenn ich einfach so Geld verteilen würde. Ich konnte und wollte dies im ersten Moment einfach nicht wahrhaben, wurde aber durch einfache Beispiele eines besseren belehrt.

1.

Der Vater einer Bedienung unserer Anlage, die ich schon lange kenne, kam bei dem Unglück auf Ko Phi Phi ums Leben. Dieser war die Haupteinnahmequelle für die ganze Familie. Mein Freund Forrest gab ihr daher als Soforthilfe für ihre Familie 10.000 Baht (ca. 200 €), was für sie ungefähr drei Monatgehältern entspricht. Leider fuhr sie nach wenigen Tagen aufs Festland und kaufte sich für dieses Geld ein HANDY !

2.

Die Thailändische Regierung gab jedem geschädigten als Soforthilfe 2000 Baht. Wir befanden uns nach dieser Auszahlung am Festland und konnten nur staunen, was die Leute von diesem Geld alles kauften.

Unser Bootsmann, welcher überhaupt nicht wusste wie es mit New Bungalow weitergehen sollte, (das Boot wurde durch die Welle vollkommen zerstört) kaufte sich von dem Geld eine Stereoanlage !

3.

Um die 2000 Baht vom Staat zu bekommen, mussten die Thais ein Formular ausfüllen und ihre Identität mit dem Pass bestädigen. Einige besonders Schlaue, haben dies an verschiedenen Stellen öfters gemacht, ohne auf die Idee zu kommen, dass alle Infos irgendwann per PC abgeglichen werden. Nach einigen Tagen erschienen Polizisten auf Ko Jum und ein paar Leute wanderten in Handschellen Richtung Knast.

Nach meinen Gesprächen mit Liz und Lan folgten die o.g. Ereignisse, danach wurde ich mir der harten Realität bewusst, dass man die Thais hier auf der Insel nicht mit Europäischen Maßstäben betrachten durfte.Obwohl dies alles liebe und freundliche Menschen sind, besteht ihr Denken von Heute auf Morgen und ist weniger zukunftsorientiert.

Die Spendenaktion hatte zu diesem Zeitpunkt schon weitreichende Kreise gezogen und ich rief zu Hause an, um die ganze Sache zu stoppen. Zu den Geldspenden kam noch eine Sachspende von meinem Arbeitsgeber Daimler AG hinzu. Unser Werk in Wörth spendierte 30 KG Werkzeug, welches für eine Werkstatt im Dorf und unseren Bootsmann gedacht war.

Silke kam ca. 14 Tage nach der Flutwelle vollbeladen in Krabi an. Da sich Thai Airways dankenswerter Weise sofort bereit erklärt hatte, das Werkzeug sowie das restliche Gepäck ohne zusätzliche Kosten zu transportieren, verlief die Reise sehr unproblematisch.

Sortieren des Werkzeugs Übergabe an Werkstatt Es konnte wieder geschraubt werden

Nachdem ich als erstes das Werkzeug verteilt hatte, überlegten wir, wie wir bei der Suche nach einem geeigneten Projekt für die Spenden vorgehen sollten. Wir beschlossen, umgehend nach Krabi zu fahren, um uns bei den dortigen Behörden über den aktuellen Stand der Flutopferhilfe zu erkundigen. Leider waren wir nicht sehr erfolgreich. Dies lag zum einen daran, dass wir überhaupt keine Ahnung hatten, wo wir uns direkt hinwenden sollten, da es keinerlei Hinweise auf eine zuständige Stelle gab, zum anderen an der vollständig fehlenden Kommunikation zwischen den einzelnen Behörden. Es erschien uns sinnvoll, uns zuerst an das sogenannte immigration office zu wenden, da dies in der Regel die erste Anlaufstelle für Touristen darstellt und die dortigen Beamten relativ gut Englisch sprechen. Allerdings konnten diese überhaupt nicht verstehen, dass wir kein Geld von ihnen brauchten, sondern im Gegenteil Geld spenden wollten. Relativ entmutigt machten wir uns auf den Rückweg nach Ko Jum.

 

Der zweite Versuch begann wesentlich vielversprechender. In der Bangkok Post, die täglich über die Folgen des Tsunamis berichtete, entdeckten wir zwei Tage später eine Telefonnummer einer Behörde in Krabi, wo man sich bezüglich Spenden hinwenden konnte. Wir hofften, dass wir hier auch Informationen zu Projekten bekommen könnten. Wir hatten bereits beim ersten Anruf einen englischsprachigen Ansprechpartner am Telefon, dem wir unser Anliegen erklärten und mit dem wir einen Termin vereinbarten. Also brachen wir erneut nach Krabi auf. In der Official Hall (vergleichbar mit einem Rathaus) angekommen wurden wir von einer jungen Dame in Empfang genommen, der wir versuchten zu erklären, dass wir einen Termin mit einem Herren vereinbart hatten. Leider hatten wir dessen thailändischen Namen nicht richtig verstanden und die Dame sprach kaum Englisch. Sehr hilfsbereit führte sie uns von Büro zu Büro bis wir ihr endlich klar gemacht hatten, dass wir jemanden sprechen wollten, der zumindest einigermaßen Englisch spricht.

 

Sichtlich erleichtert brachte sie uns zu einem älteren Herren, welcher sofort unser Anliegen verstand. Er führte uns umgehend in eine Sitzung des Krisenstabs, welcher sich u.a. aus dem Governeur des Krabi Districts, einem ranghohen General sowie diversen Regierungsbeamten zusammensetzte. Nachdem wir unsere Absichten geschildert hatten, berieten sich die Teilnehmer und erklärten uns, dass sie mit dem Geld ein Steinhaus für die Seezigeuner auf Ko Jum errichten würden. Dies erschien uns nicht sehr vertrauenswürdig, da die Seezigeuner am dringendsten Boote und Netze benötigen und keine Häuser. Deshalb sagten wir, dass wir uns die Sache erst mal überlegen wollten und verließen die Sitzung. Auch ein Vertreter der britischen Botschaft, den wir zufällig trafen, war der gleichen Meinung, dass der Vorschlag des Krisenstabes nicht sehr plausibel klang.

 

Danach entschlossen wir uns, die Suche vor Ort nach einem konkreten Projekt aufzugeben und wandten uns an die Deutsche Botschaft in Bangkok. Ausserdem hatten wir nach einem längeren Gespräch mit Lan entschieden, dass wir den drei Schulen auf Ko Jum je 500.- € stiften wollten. Diese hatten sofort nach der Katastrophe neue Bücher sowie Schuluniformen für die betroffenen Schulkinder besorgt und Kinder von Ko Phi Phi aufgenommen. Wir verbrachten einen ganzen Tag damit, jede der Schulen zu besuchen und uns zu informieren, wie das Geld verwendet werden soll. Zwei der Schulen werden je einen Computer für den Schulunterricht besorgen, eine der Schulen wird ihre vor längerer Zeit begonnene und nicht vollendete Schulbücherei fertig stellen. Die Schulen haben mich eingeladen, mir alle diese Projekte bei meinem nächsten Urlaub anzusehen.

 

Übergabe von je 500€  an die drei Schulen auf Ko Jum

 

Um den restlichen Betrag sinnvoll zu spenden, besuchten wir am letzten Tag unserer Reise die Deutsche Botschaft in Bangkok, die uns ihre Hilfe angeboten hatte. Dort wurden uns verschiedene als sinnvoll erachtete Projekte vorgestellt, die sich direkt in den betroffenen Regionen um die Überlebenden kümmern. Allerdings wies uns Herr Köster gleich darauf hin, dass die Botschaft keine Spenden annehmen darf. Er empfahl uns vielmehr, die Projektträger von Deutschland aus zu kontaktieren.

 

Nachdem wir uns sämtliche Projekte angeschaut haben, haben wir folgendes Projekt ausgewählt, welches auf dauerhafte Hilfe angelegt ist und wir uns auf alle Fälle in Zukunft  ansehen werden.

Wir konnten die School for Life mit über 5000 € unterstützen.